Theater Mobile: Ladenburger Amateur-Ensemble „spielART“ sorgt mit Komödie „Toc Toc“ von Humorist Laurent Baffie für einen kurzweiligen Abend im Zwingenberger Amtsgerichtskeller

 

Ganz normal verrückt: Käfig voller Narren


Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Das Ladenburger Amateur-Theater "spielART" hat aus dem Laurent-Baffie-Stück "Toc Toc" eine temporeiche und klasse gespielte Inszenierung gemacht.

 

Zwingenberg. Menschliche Macken auf engstem Raum. Zwangsneurotiker und psychologische Spezialfälle kollidieren ohne ärztliche Aufsicht, aber mit therapeutischem Erfolg. In seiner Komödie "Toc Toc" aus dem Jahr 2005 lässt der französische Autor, Regisseur und Humorist Laurent Baffie sieben scharfkantige Charaktere auf vergnüglichste Weise aufeinander prallen.

Das Ladenburger Theaterensemble "spielART" hat daraus eine temporeiche und klasse gespielte Inszenierung gemacht. Premiere war Anfang März. Am Sonntag gastierte die Truppe im gut besuchten Mobile-Keller. Langer Applaus nach zwei Stunden allerbester Unterhaltung. Die Laienschauspielgruppe unter der Leitung von Birgit Podhorny servierte süffiges Amateurtheater, das einfach Spaß macht: flott, textsicher und unbeschwert. Ausgarniert von dramaturgischer Straffheit und knackigen Regie-Einfällen, die das Stück zu einem kurzweiligen Theaterabend gemacht haben.

Da wartet man dreizehneinhalb Monate auf einen Termin und dann das: Das Wartezimmer des renommierten Dr. Stern ist voll mit psychischen Ticks, und der Meister lässt sich stundenlang nicht blicken. Nach den ersten Zusammenstößen plant dieser Käfig voller Narren eine kollektive Selbsttherapie nach dem Motto: Liebe die Störung deines Nächsten wie die eigene. Dabei schaffte es das Ensemble mühelos, die Handlung trotz eines zum Teil derben, aber medizinisch bedingten Vokabulars, nicht ins Grobkörnige, Unflätige abdriften zu lassen.

"Schuld" an dieser Leistung ist vor allem Ferdi Abbate als Taxifahrer Gianni, der mit seinem Zahlen- und Rechenfetischismus noch am leichtesten aller Ticks weniger leidet denn zur Kenntnis nimmt. "Eigentlich stört es nur meine Frau." Gianni durchschaut seine Kollegen schnell und spielt mit ihren Seltsamkeiten so lange, bis sie selbst darüber schmunzeln können. Abbate ist lange Statist am Mannheimer Nationaltheater - da muss einiges abgefärbt sein.

Aber auch die anderen Typen sind treffend besetzt. Da wäre der seriöse Fred, dessen Gilles-de-la-Tourette-Syndrom dafür sorgt, dass er regelmäßig zuckt und ungewollte Lautäußerungen auswirft - in seinem Fall meist derbes Vokabular. Man leidet mit Gerald Glombitza, der die Rolle ohne große Gesten glaubwürdig macht. Die antibakterielle Schönheit Blanche (Ira Romy Alice) rennt andauernd in den Waschraum, die rätselhafte Marie (Gudrun SchönStoll) schickt permanent Stoßgebete Richtung Himmel. Bob (Michael Przibylla) kann nicht über Linien gehen, und die junge Lili (Jessica Sarnecki) muss alles zwei Mal sagen. Als Sprechstundenhilfe ist Evi Kreichgauer in einer kleinen Rolle zu sehen.

Das Ensemble überzeugt durch präzises Timing, was bei einem Stück wie diesem über die Biegung der Mundwinkel - nach oben oder unten - entscheiden kann. Wenn die Dialoge nicht punktgenau sitzen, wird aus dem köstlichen Lustspiel schnell ein fades Nebeneinander an Texten. Dass eine Laientruppe den anspruchsvollen Komödienstoff so gut meistert, ist nicht unbedingt vorauszusetzen. Wer "spielART" vorher nicht kannte, dürfte die kommenden Inszenierungen der Ladenburger mit Freude erwarten Hoffentlich auch mal wieder im Mobile. Thomas Tritsch

© Bergsträßer Anzeiger, Mittwoch, 22.04.2015

 

 

Rhein-Neckar-Zeitung und Ladenburger Zeitung, 6. März 2015 (Silke Beckmann)

„Mamma mia, wo sind wir denn hier?“ - Ensemble spielART feierte umjubelte Premiere mit „Toc Toc“ - Akteure glänzten in temporeicher, hochamüsanter Inszenierung

 

„Arschlecken, alle!“ Die ersten Worte des Abends, ausgestoßen von einem kultiviert wirkenden Herrn fortgeschrittenen Alters, verblüffen nicht nur die Zuschauer im vollbesetzten Domhofsaal, sondern auch die Patienten, die sich nach und nach im Wartezimmer des sagenumwobenen Dr. Stern einfinden. Hier spielt sich das gesamte Geschehen ab, die Komödie „Toc Toc“ aus der Feder des französischen Schriftstellers Laurent Baffie, mit dem das Ladenburger Ensemble spielART um Regisseurin Birgit Podhorny seine umjubelte Premiere feierte. Ein spritziges, temporeiches Stück, in dem alle sieben Akteure glänzten und das insbesondere Ferdi Abbate in seiner textlastigsten und präsentesten Rolle als Taxifahrer Gianni zu absoluter Höchstform auflaufen ließ.

Dass es dank langjähriger Leiden eigentlich traurige Anlässe sind, die die ungleiche Gruppe zusammenführen, tritt dabei völlig in den Hintergrund – sind es doch gerade die ungewöhnlichen Symptome in ihren extremen Ausprägungen, die zu urkomischen Situationen und Kollisionen führen: der Tourette-gebeutelte und daher ständig unflätigst fluchende Fred (Gerald Glombitza), der unter ständigem Zählzwang stehende Taxifahrer Gianni, die ewigen Kontrollzwang unterliegende katholische Nonne Marie mit überzeugendem französischen Akzent (Gudrun SchönStoll), die adrette Blanche (Ira Romy Alice) mit ausgeprägter Bakterienphobie, der von der Faszination der Symmetrie geknutete Bob (Michael Przibylla) mit Angst vor Linien und schließlich Lili (Jessica Sarnecki), die zu sterben befürchtet, wenn sie nicht jede Äußerung, ob kurz oder lang, doppelt von sich gibt. Da prallen natürlich Welten aufeinander, und Gianni mit dem losen Mundwerk fragt sich nicht nur einmal: „Mamma mia, wo sind wir denn hier?“ Erstaunlicherweise gewöhnt sich der Zuschauer mit der Zeit an das Ungewöhnliche, selbst an den Geruch des Blanche’schen Desinfektionsmittels, und auch die Charaktere schaffen es über kurz oder lang, die Probleme des anderen zu akzeptieren. Insbesondere der unkomplizierte Gianni packt den Stier bei den Hörnen, konfrontiert seine Gegenüber mit ihren jeweiligen Schwächen und hat auch noch einen Heidenspaß dabei. In Windeseile rechnet er Fred die Zahl der im Laufe seines Lebens schon getätigten Beleidigungen und obszönen Gesten hoch ( es sind über 26 Millionen), macht sich nebenbei Gedanken zur Spermienzahl bei Ejakulation („ein Völkermord beim Wichsen“), fährt Marie nach deren dritten Stoßgebet an („Hören Sie auf mit dieser Betschwestern-Nummer), imitiert mit diabolischem Grinsen Lilis Dopplungen und lästert an Blanches Adresse: „Sie frisst scheinbar Seife.“ 

Hochamüsant auch das Monopoly-Spiel, mit dem das Sextett sich nach wiederholtem Vertrösten der Sprechstundenhilfe (Helga Schiermann-Püschel) die Zeit vertreibt. Elektrizitäts- und Wasserwerk sind für die um die häusliche Trias „Gas, Wasser, Strom“ krankhaft besorgte Marie ein rotes Tuch, ebenso wie der als Rotlichtbezirk berüchtigte Place Pigalle. Klar, dass Gianni sie unablässig damit aufzieht, während auch Frischluftfanatikerin Blanche immer wieder ihr Fett abbekommt, deren zwanghafte Händewasch-Orgien sich im von Christoph Stoll realisierten raffinierten Bühnenbild (Birgit Podhorny, Gudrun SchönStoll) als Schattenspiel darstellen.

Es wird sehr viel gelacht an diesem Abend, die Anschlüsse sitzen perfekt, und die ausdrucksstarken Akteure, teilweise Novizen im Schauspiel-Fach, haben ihre Rollen mit gewollt absurden Ausprägungen überzeugend verinnerlicht und glänzen allesamt – eine rundum gelungene Inszenierung. Ob und inwieweit den Patienten am Ende geholfen werden kann, sei an dieser Stelle nicht verraten – schließlich stehen bis einschließlich Sonntag noch drei weitere (bereits ausverkaufte) Aufführungen im Domhof aus, bei denen auch Maria Karch und Evi Kreichgauer in doppelt besetzten Parts zu sehen sind. Lang anhaltender Applaus belohnte am Ende das Ensemble und seine ideenreiche Regisseurin sowie die für Licht und Ton Verantwortlichen, Marius Steigerwald und Noah Steinkrüger; Musik und Soundeffekte stammten von Gerald Glombitza.

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Ladenburg: Ensemble „spielART“ meistert Premiere von „Toc Toc“ im ausverkauften Domhofsaal glänzend / Drei hinreißende junge Talente

Menschliche Macken mit Witz inszeniert

Von unserem Mitarbeiter Peter Jaschke

 

 

Am Ende gibt es eine Überraschung. Doch mehr sei nicht verraten. Schließlich stehen dem Ladenburger Theaterensemble "spielART" ab heute noch fünf Aufführungen bevor. So viel darf man aber, auch angesichts des langen Schlussbeifalls im Domhofsaal der Römerstadt, getrost vorwegnehmen: Es lohnt sich, die Inszenierung der Komödie "Toc Toc" zu besuchen, die weitgehend frei von Tabus und allzu viel Tiefgang menschliche Macken thematisiert.

Ihr Premierenpublikum hat die Truppe um Regisseurin Birgit Podhorny jedenfalls begeistert. "Echt toll, wirklich schön", sagt Christine Heinzel nach der gelungenen Aufführung vor rund 120 Gästen, die viel gelacht haben. Die Regisseurin der Theaterinitiative Ladenburg (TiL) steht mit ihrer eigenen Truppe vor der Premiere von "Osage County" am 1. Mai. An diesem Abend ist Christine Heinzel aber auch als Vertreterin des "Theater Mobile" in Zwingenberg da, wo "spielART" am 19. April ebenso ein Gastspiel gibt wie bereits am 29. März im Edinger Anna-Bender-Saal. Alle Ladenburger Termine bis einschließlich kommenden Sonntag sind dagegen so gut wie ausverkauft.

 

Theater mit Tribüne

Die Zuschauer staunen schon, als sie den Raum betreten, wo sonst der Gemeinderat tagt: Der städtische Bauhof und Bühnenbauer Christoph Stoll haben den Domhofsaal in ein Theater mit Tribüne verwandelt. "Ich glaube, ich bin aufgeregter als meine Frau", flüstert Stoll und drückt beide Daumen. Es hilft: Die Ladenburger Malerin und Lyrikerin Gudrun Schön-Stoll meistert ihr "spielART"-Debüt ebenso glänzend wie beider 20-jährige Tochter Ira, die sich ihre Rolle mit Maria Karch teilt, mit Spielwitz und Präsenz.

Publikumsliebling ist Lokalmatador Ferdi Abbate: Der frühere Vizechef des Bauhofs und Statist am Mannheimer Nationaltheater mimt umwerfend temperamentvoll die schwierige, weil mit Rechenkunststücken nur so gespickte Rolle des Taxifahrers Gianni, der wie alle Hauptakteure in dem kammerspielartigen Stück einen Tic hat.

Grandios hat der französische Autor Laurent Baffie, der selbst an einer Zwangshandlung litt, das Thema „Waschzwang und Co.“ 2005 in einem ebenso witzigen wie hintergründigen Stück verarbeitet, das europaweit aufgeführt wird. Spielleiterin Podhorny bedankt sich eingangs bei den anwesenden Theaterkollegen aus Bretten, wo sie das Stück "entdeckt" habe.

 

Derbe Schimpfausbrüche

Alle Darsteller zeigen sich hervorragend vorbereitet. "So viel haben wir noch nie geprobt", erklärt Podhorny. Und so gelingt es auch Gerald Glombitza glaubhaft, unkontrollierbare Schimpfausbrüche in die Dialoge von "Fred" zu integrieren. Achtung: Sein Ausruf gleich zu Beginn ("Arsch lecken, alle!") ist noch der harmloseste. Den Symmetrie-Tic seiner Rollenfigur hat der junge Mannheimer Michael Przibylla (21) ebenso beachtlich verinnerlicht.

Besonderes Lob verdient die 20-jährige Jessica Sarnecki aus Seckenheim-Hochstätt: Als Lili wiederholt sie in einer weiteren tragenden Rolle beinahe jeden Satz, jedes überdrehte Kichern sicher und hat mit ihrem Monolog einen großen Auftritt mitten im Publikum. In einer Nebenrolle agieren Helga Schiermann-Püschel und Evi Kreichgauer. Die Technik besorgen die Jugendlichen Marius und Fabian Steigerwald sowie Noah Steinkrüger. Soufflage und Maske: Heidi Rathers-Döhring.

© Mannheimer Morgen, Freitag, 06.03.2015