Ladenburger Gruppe "spielART" feiert erfolgreiche Premiere mit dem neuen Stück "Der Gott des Gemetzels"

Theaterensemble zeigt im Domhof "großes Kino"

von Peter Jaschke

 

"Oje, oje", leidet eine Besucherin in der ersten Reihe hörbar mit, als Gudrun Schön-Stoll in der Rolle der nervös leidenden Annette der Überdruss sozusagen Oberkante Unterlippe steht und sie ausgerechnet einen kostbaren Bildband der frustrierten Gastgeberin besudelt. Derart drastisch geht es bei der Premiere der Gesellschaftssatire "Der Gott des Gemetzels" zu. Alle vier Schauspieler des Ladenburger Ensembles "spielART" agieren eindringlich und liefern bewundernswert überzeugend ein kurzweiliges Kammerspiel voller Tiefgang und Komik ab.

 

Stürmischer Schlussapplaus

Wäre es kein Theaterstück, ließe sich sagen: Im ausverkauften Domhofsaal ist "großes Kino" zu sehen. So nimmt die Truppe um Regisseurin Birgit Podhorny am Ende hochverdient stürmischen Schlussapplaus entgegen: Stefanie Bachmann, Klaus Grelle, Gerald Glombitza und Schön-Stoll hören Bravo-Rufe und begeistertes Fußtrampeln. Das liegt - trotz eines Texthängers zu Beginn der Aufführung, als sich das Darstellerquartett vor Publikum erst richtig warm spielt - vor allem an der Präzision der Inszenierung, am Ausdruck der Schauspieler und an zündenden, wohlgesetzten Pointen.

Der Erfolg auch dieser fünften "spielART"-Inszenierung seit 2008 zeichnet sich schon in der Pause ab: Viele Stimmen loben die kurzweilige Aufführung. Etliche kennen den Stoff der angesagten Pariser Erfolgsautorin Yasmina Reza auch als Film von Roman Polanski in Starbesetzung mit Christoph Waltz, Kate Winslet, Jodie Foster und John C. Reilly in den Hauptrollen. Fazit: Die Ladenburger Amateurmimen halten diesem Vergleich stand.

"Ich sehe sie zum ersten Mal und finde die richtig gut", sagt beispielsweise Claudia Hoppe-Beedgen. Auch sie verfolgt im Schlussakt nach der Pause gespannt weiter, wie zwischen zwei Pariser Ehepaaren die Fetzen fliegen. Anlass des Treffens: Der elfjährige Sohn des einen Paars hat dem Jungen des anderen mit einem Stock auf dem Schulhof zwei Zähne ausgeschlagen. Im Verlauf des Abends entwickelt sich ein hässlicher Streit zwischen den ach so vernünftigen Erwachsenen, bei dem nicht nur die beiden Paare zu Rivalen werden, sondern auch unter der Oberfläche schwelende Krisen zwischen den jeweiligen Partnern und obendrein ein Pharmaskandal zutage treten.

Ständig wechseln die Streitenden die Fronten. Die Situation eskaliert, als Alkohol ins Spiel kommt. Das Stück hält der modernen Gesellschaft den Spiegel vor. Viele Szenen regen zum Nachdenken an. Es geht nur vordergründig um die Prügelei unter Kindern. Es geht auch um mangelnden Humor, zu viel Ich-Bezogenheit, fehlendes Einfühlungsvermögen und die Frage, ob der Gott des Gemetzels wirklich der einzige ist, der von Beginn an uneingeschränkt herrscht.

vl: Gerald Glombitza ("Alain"), Gudrun SchönStoll ("Annette"), Regisseurin Birgit Podhorny, Souffleur Christian Haubner, Stefanie Bachmann ("Véronique"), Klaus Grelle ("Michel").

Copyright Peter Jaschke

 

RNZ - 5. Oktober 2017

 "Gott des Gemetzels" in Ladenburg

Ein Leben ohne Moralvorstellungen?

Premiere der spielART-Inszenierung "Der Gott des Gemetzels" überzeugte

von Silke Beckmann

In der neuen spielART-Inszenierung überzeugen Klaus Grelle, Stefanie Bachmann, Gudrun Schön-Stoll und Gerald Glombitza (v.l.). Foto: Silke Beckmann

 

Von Silke Beckmann

Ladenburg. "Gott sei Dank gibt es ja noch die Kunst des zivilisierten Umgangs miteinander", ist man sich anfangs einig. Doch trotz aller guten Vorsätze gelingt genau dies nicht, und im Laufe des Abends regiert eher die Kunst des überwiegend verbalen Zerfleischens, und selbst die Zuschauer im Domhof bekommen die floralen Ausläufer eines gekonnten Wutanfalls zu spüren. Um anschließend frenetisch und lang anhaltend zu applaudieren. Für eine gelungene, sehenswerte Inszenierung und vorzügliche Darsteller.

Mit der Gesellschaftssatire "Der Gott des Gemetzels", geschrieben von der erfolgreichen französischen Theaterautorin Yasmina Reza und im Jahr 2006 am Schauspielhaus in Zürich uraufgeführt, ist dem Ensemble spielART um Regisseurin Birgit Podhorny ein rundum mitreißender Coup gelungen, in dem die vier Akteure zu Hochform auflaufen.

Wobei Handlung und Mimen nach etwas verhaltenem Einstieg konsequent Fahrt aufnehmen und dabei eine konstant überzeugende Leistung zeigen: Stefanie Bachmann, die die gesamte Gefühlspalette in ihrer Rolle als Véronique Houillé beherrscht und ebenso als ausgleichender Pol wie als aufbrausende Furie glänzt, und Klaus Grelle, der als Michel Houillé ebenfalls seinen spielART-Einstand gibt und sein Berufsethos genauso verteidigt wie das eigenwillige Handeln in puncto Familienhamster.

Daneben Gudrun Schön-Stoll und Gerald Glombitza, die die Parts des Ehepaars Reille innehaben: Annette, die wahrlich nicht so schnell, aber schließlich eben doch die Contenance verliert, und der aalglatte Anwalt Alain, der über Leichen geht und zwischenzeitlich dennoch die Hosen herunterlassen muss. Im wahren Wortsinn übrigens, während dies sprichwörtlich für alle vier gilt.

Wobei das Treffen relativ harmlos beginnt. Man setzt sich zusammen, um den unglücklichen Vorfall zwischen den beiden Söhnen zu besprechen, bei dem Bruno Houillé zu Schaden gekommen ist. Oberflächlich betrachtet, ein vernünftiges Unterfangen. Annette und Alain sind bereit, ein vorbereitetes Schuldeingeständnis zu unterschreiben, wenngleich ihnen die Formulierung "mit einem Stock bewaffnet" aufstößt und in "ausgestattet" abgeschwächt werden muss. Es wird artig-steife Konversation betrieben über Zahnreparaturen, Blumen, Berufe und Rezepte.

Doch spätestens nachdem die versammelte Kaffeerunde Zeuge von Alains Handy-Gesprächen im Zuge seiner fragwürdigen Vertretung eines Pharma-Konzerns wird ("Wir werden doch nicht das Mittel vom Markt nehmen, weil drei Kandidaten Schlagseite haben"), ist es mit den braven Höflichkeiten vorbei und der Nachwuchs vergessen.

"Ring frei" für einen schonungslosen Schlagabtausch und Vorhang auf für Dialoge abseits jeglicher höflichen Etikette, wozu der Alkohol sein Übriges tut. Die übelkeitsgeplagte Annette übergibt sich in gezieltem Schwall einmal quer über den kostbaren Kokoschka-Nachdruck, man rammt sich gegenseitig zunehmend ungespitzt in den Boden und bildet dabei immer wieder verblüffende neue Allianzen: Kaum allein, lästern die Houillés kräftig ab über ihren Besuch, den "reinsten Albtraum", während sich das Paar schon kurz darauf gegenseitig an den Kragen geht.

Da brechen sich offensichtlich schon lange schwelende Konflikte und unterdrückte Aggressionen Bahn. Nicht anders die Kontrahenten: Mal tröstet Annette, im nächsten Moment verspritzt sie Gift, und kurzzeitiges trautes Einvernehmen mündet schon kurz darauf in Vorwürfen und Zerfleischen in alle Richtungen. Kurzum: Die Emotionen kochen über, und Stefanie sinniert am "unglücklichsten Tag meines Lebens" mit Recht: "Ich weiß gar nicht, wozu ein Leben ohne Moralvorstellungen gut sein soll." Während Alain an anderer Stelle über solche "Hüterinnen der Welt" höhnt, denn: "Ich glaube an den Gott des Gemetzels!".

Ein Leben ohne Moralvorstellungen? Über die Auswirkungen lohnt es sich nachzudenken, ohne Frage. Und genau solche Überlegungen setzt das rasante Stück trotz oder gerade wegen seiner absurden Komik in Gang. Eine toll umgesetzte Inszenierung eines faszinierenden Stücks.